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Interview mit Dr. Ahmet Refii Dener zur Energieversorgung in der Türkei

14. Mai 2014 15:27 Views: 5343

suDer Energiebedarf der Türkei ist, angesichts der stetig wachsenden Wirtschaft, gewaltig.

Stromausfälle und veraltete technische Infrastrukturen, stellen die türkische Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. Deshalb verbreitet sich nicht nur um die Stadt Trabzon das Kraftwerksfieber. Überall in Anatolien lässt die Regierung unter Erdoğan Wasserkraftwerke bauen. Große, größere, gigantische. Derzeit laufen 172 Kraftwerke, 148 sind im Bau, weitere 1.418 geplant. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren 1.738 Wasserkraftwerke den schnell wachsenden Energiebedarf der Türkei decken.

DBTV – Redaktion
Stromausfälle gehören mittlerweile zur Tagesordnung und verursachen enorme Kosten. Somit stellt sich die Frage: Wie steht es um die veraltete Infrastruktur?

Dr. Ahmet Refii Dener
Das ist leider das Manko der Wirtschaft. Einmal angeschafft, wird nicht mehr gewartet bzw. erneuert. Es gibt ein Beispiel von Früher. Bis Anfang der 80er Jahre waren die Telefonleitungen in der Türkei noch aus der Zeit des I. Weltkrieges und folglich nicht mehr zeitgemäß. Technik bezogen, wie die Türken sind, wurde die ganz Türkei mit der damaligen Hochtechnologie der Telekommunikation, nämlich ISDN, ausgestattet. Allerdings nutzte man zu diesem Zeitpunkt noch veraltete Leitungen. Diese wurden erst in den letzten ca. 15 Jahre nach und nach erneuert. Ein Nebeneffekt war, dass man mit dem neuen ISDN von der Türkei aus, z.B. in Deutschland, nicht anrufen konnte. Die Türkei war mit der ISDN-Technologie fortgeschrittener. So geht es durch alle Sparten der Wirtschaft. Die Infrastruktur ist zumeist schlecht, aber dennoch wird die neueste Technologie angeschafft. Genauso sieht es mit Strom aus. Die Leitungen sind größtenteils überdurchschnittlich alt und der Belastung nicht gewachsen. Da bleibt es nicht aus, dass Stromausfälle an der Tagesordnung sind. Ein Beispiel kann ich aus dem Raum Antalya, Alanya geben. Der eigentlichen ‚Hochburg‘ der Tourismusbranche. Die Klimaanlagen kühlen zumeist bis 16-18 Grad herunter und verbrauchen unvorstellbar viel Strom. Damit der Betrieb, wegen der ständigen und starken Stromschwankungen einwandfrei läuft, werden die Hotels zumeist mit 240-250 V Spannung versorgt. Da die Leitungen diesen Anforderungen nicht standhalten, werden Stromaggregate eingesetzt. Diese verbrauchen das teuerste Diesel der Welt und verursachen unheimlich viel Lärm bei der Nutzung.

Auch beobachte ich, dass bei den Privatisierungen enorme Beträge beim Kauf bezahlt werden. Bei der Ankündigung der Neuinvestitionen, die die Infrastruktur betreffen, werden dann übertriebene 10-15 Mio. Euro genannt. Diese Investitionen schiebt man solange hinaus, wie möglich. Das die türkische Art vom Geschäft. ‚Mit dem Vorhandenen, solange weitermachen, bis es nicht mehr geht. ‘ Selbst dann wird zumeist nicht erneuert, sondern hier und da geflickt. Dieser Zustand herrscht zumeist, wenn der Käufer rein türkisch ist. In der Regel agiert man etwas europäischer, sobald ein ausländischer Partner involviert ist.

DBTV – Redaktion
Erdogan verunsichert nicht nur die heimischen Unternehmer!

Bislang war der scheinbar unaufhaltsame Wirtschaftsaufschwung der größte Trumpf von Premier Recep Tayyip Erdogan, wäre da nicht sein eigensinniger und teils fragwürdiger Führungsstil.

Nicht nur Internationale Investoren sehnen sich nach Stabilität und geordneten Verhältnissen –zwei der unverzichtbaren Grundvoraussetzungen für nachhaltige Investitionen. Wie kann sich hier der türkische Mittelstand behaupten und die Regierung verlorenen Boden wieder gut machen?

Dr. Ahmet Refii Dener
Erdogan wird weiter verunsichern. Er ist ein Narzisst, wie er im Buche steht. Er agiert in der Krise nicht nur autoritär, sondern unerbittlich, selbstherrlich, fast schon größenwahnsinnig. Wie hat er noch vor seiner langen Regierungszeit gesagt: ‚Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten‘. Er ist bereits aus dem Demokratie-Zug ausgestiegen. Da er die Legislative, die Exekutive und die Judikative in seiner Hand hält, kann man nichts gegen ihn verrichten. Immer, wenn man ihm und den Seinen, Korruption o.ä. unterstellt, sagt er: ‚Die Wahrheit wird an der Wahlurne zutage kommen‘. Er kann keine Wahl verlieren, oder haben Sie einen Diktator gesehen, der eine Wahl verlor? Meinungsfreiheit gibt es nur für ihn. Auch andere dürfen Ihre Meinung äußern, solange sie sich mit der Seinen deckt.

In der Wirtschaft geht das Leben ungemindert weiter. Die Regierung ist in dieser Hinsicht recht agil. Neue Fördermaßnahmen, sonstige Vergünstigungen etc. werden jeden Tag verkündet. Davon macht man auch rege Gebrauch. Deutsche Unternehmen halten sich noch im Hintergrund und warten ab, die USA, Japan und asiatische Unternehmen dagegen, strömen in den lukrativen Markt zum verkaufen aber auch zum produzieren.

Der türkische Mittelstand ist, wie auch in Deutschland, das Rückgrat der Wirtschaft. Man muss jedoch auf einen wesentlichen Unterschied hinweisen. Türkische mittelständische Unternehmen, können im Vergleich zu Deutschland, als Klein- oder Kleinstunternehmen durchgehen. Sie erzielen nicht annähernd die Umsätze, wie die deutschen Mittelständler. Bei einigen Banken hat man z.B. die Darlehensvergabe so organisiert, dass ein Unternehmen bis 5 Mio. USD als mittelständisch gilt. Darüber hinaus hat man schon mit einem türkischen Großunternehmen zu tun.

Die türkischen Unternehmen holen sich ausländische Partner oder verkaufen gleich an diese. Die Türkei hat fast alle Schlüsselindustrien bereits an Ausländer verkauft oder diese sind stark daran beteiligt. Ausländische Beteiligungen ziehen Innovationen mit sich. Synergien von Anfang an. Diese Kooperationen bringen beide Seiten weiter. Um mit dem letzten Satz Ihrer Frage abzuschließen. Die Politik kann unmöglich zur Ruhe kommen, solange Herr Erdogan in der türkischen Politik mitmischt und das Sagen hat. Er wird weiter polarisieren und es werden noch viele Streitfragen aufgeworfen werden.

DBTV – Redaktion
Die Türkei wird immer wieder als ein interessanter Wirtschaftspartner angepriesen, was aber macht die Türkei aus und wo könnte der deutsche Mittelstand konkret profitieren?

Dr. Ahmet Refii Dener
Seit Jahren sage ich, dass die deutsche Wirtschaft ein Ass im Ärmel hat, nämlich die Türkei. Es gibt keine zwei Länder, die so kompatibel sind, wie Deutschland und die Türkei. Der Grund sind die vielen rückkehrwilligen bzw. bereits zurückgekehrten Deutschtürken. Manchmal verunsichere ich die Österreicher und Schweizer, indem ich sage, dass außerhalb von Deutschland die meisten Deutschsprechenden in der Türkei leben. Dabei zähle ich die Deutschtürken zum Portfolio zu. Welches Land hat sonst so einen Vorteil? Die deutsch-türkischen Akademiker sind nach deutschen Standards ausgebildet und geeicht. Mit der deutschen Kultur stehen sie auf Augenhöhe. Überhaupt versuche ich beim Markteintritt deutscher Marken und Unternehmen, solche türkischen Partner zu vermitteln, die schon deutsche Kultur miterlebt haben. Dann spricht man nicht nur die gleiche Sprache, sondern man versteht sich auch.

DBTV – Redaktion
Wie sind ihre persönliche Erfahrungen als Experte, mit türkischen und deutschen Unternehmern, welche Rolle spielt der kulturelle Unterschied und wie gut kommen die deutschen Tugenden bei Ihren Landsleuten in der Türkei an?

Dr. Ahmet Refii Dener
Wenn ich über die deutsche Wirtschaft spreche, komme ich ins schwärmen. Die Deutschen sind Weltmeister im Schlechtreden ihrer Tugenden und besonders, wenn es der Wirtschaft schlecht geht. Mit der Wirtschaft im Rücken ist Deutschland eine Weltmacht. Das man das Ganze auf ‚Exportweltmeister‘ herabstuft, hat einen triftigen Grund, wie ich meine. Sie müssen nicht  Weltpolizei spielen, wie die USA. In der Türkei gibt es ca. 5.750 deutsche Unternehmen/Beteiligungen. Womit Deutschland übermäßig gut abschneidet, obwohl prozentual gesehen die Niederländer stärker vertreten sind. Anhand der Bevölkerungszahlen veranschaulicht:

Niederlande, ca. 17 Mio. Einwohner, Anteil Türkischstämmiger ca. 2,5%, mit 2.316 Unternehmen in der Türkei vertreten

Deutschland ca. 82 Mio. Einwohner, Anteil Türkischstämmiger 2,5%,  mit 5.760 Unternehmen in der Türkei vertreten

Wenn 20.000 deutsche Unternehmen in der Türkei vertreten wären, würde ich es als ‘normal’ erachten. Es ist also noch viel Potential nach Oben. Ich denke, es wird nicht ausbleiben, dass die Deutschen nachziehen.

Sie sprechen den kulturellen Unterschied an. Die Türken lieben und bewundern die deutschen Tugenden. “Made in Germany” ist schon immer gefragt gewesen. Für den Türken ist der Preis bei einer Kaufentscheidung maßgebend, allerdings wird bei ‘Made in Germany’ eine Ausnahme gemacht. Ich komme oft mit Studenten, Schülern und Unternehmern zusammen und erzähle Ihnen über den ‘Faktor Deutschland’. Ich kann dazu ein einfaches Beispiel aufführen. Ein Bekannter von mir hat, ohne es zu erahnen, einen Deutschtürken eingestellt. Der Mitarbeiter hob sich nicht im besonderen Maße von den anderen Mitarbeitern ab. Er kam pünktlich zur Arbeit und arbeitete gründlicher und organisierter als seine Kollegen. Damit fiel er dermaßen auf, dass die ganze Belegschaft sich ihm anpasste.

Dennoch, die kulturellen Unterschiede überwindet man nur mit einem praxisbezogenen, erfahrenen Türkei-Berater, der das zu beratende Unternehmen zu jeder Phase des Markteintritts, unterstützt und führt. Die praxisbezogene Erfahrung möchte ich besonders unterstreichen, weil sich an diesem Punkt die sogenannte Spreu vom Weizen trennt. Denn Türkei-Berater gibt es sehr viele.

Bleiben wir bei den Chancen deutscher Unternehmen in der Türkei. Das Land bietet für die Marken einen hervorragenden und konsumfreudigen Inlandsmarkt. Die Nähe zu Europa, die niedrigen Löhne, die Nähe zu den wachsenden Märkten des Ostens, der Aufbau im Irak, die Öffnung der iranischen und afrikanischen Wirtschaft, die Investitionsanreize, die Fördermaßnahmen und viele weitere Aspekte machen die Türkei zu einem hervorragenden Produktionsstandort. Auch bieten sich weitere Investitionsmöglichkeiten im Tourismus-, Agrar-, Bau- und Immobiliensektor an.

Ich möchte, ohne das Sie mich darüber gefragt haben, ein interessantes Thema anschneiden. Fast kein deutsches Unternehmen kommt, warum auch immer, von alleine auf die Türkei. Diesen Unternehmen muss die Türkei schmackhaft gemacht werden und man muss Sie von vorne herein unterstützen. Bei der jetzigen politischen Lage, muss man jedoch länger reden und argumentieren. Es mag schwer fallen, aber die Türkei ist trotz der politisch angespannten Lage, hausgemacht durch Erdogan, immer für Geschäfte zu empfehlen. Früher, als die Banken in den 70er und 80er Jahren noch pleite gingen, die Wirtschaft bzw. viele Regierungen in sich zusammenbrachen, Militärs kamen und gingen, hatte eine Konstante immer Bestand: Das ausländische Kapital wurde niemals angetastet. Auch wurden die ausländischen Unternehmen bei Bankpleiten, wegen fehlender Einlagensicherungsfonds (auch Feuerwehrfonds genannt), vom Staat bedient. Somit ist die Türkei ein Schlaraffenland für Ausländer bzw. für ausländische Unternehmer.

Wenn Sie die Vorteile und Risiken zugleich kennen und Ihre Unternehmung vorantreiben wollen, bleibt die Türkei ein sicherer Hafen für Business jeglicher Art.

Interview wurde geführt am 13.05.2014 per eMail.

Redakteur: Michael Assen

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