Trotz Brexit sollten Anleger einen kühlen Kopf bewahren

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Marktkommentar und Gatsbeitrag von Volker Engelbert, Chief Investment Officer und Sprecher der Geschäftsführung der Lingohr & Partner Asset Management GmbH.

Der von vielen Europäern nicht möglich gehaltene „Brexit“ ist über Nacht wahr geworden – für Europa zweifelsfrei ein politischer Tief- und Rückschlag. Premierminister David Cameron hat bereits seinen Rücktritt angekündigt und überlässt seinem Nachfolger die Aktivierung von Artikel 50 des Lissaboner EU-Vertrages und damit die Einleitung der EU-Austrittsverhandlungen. Es ist allerdings unklar, wie genau der Austrittsmechanismus funktionieren wird. Die anstehenden Verhandlungen können zunächst 2 Jahre dauern, jedoch besteht auch die Möglichkeit, diese Zeitspanne zu verlängern. Während dieser Zeit ändert sich nichts am Status Quo, d.h. es werden keine neuen Zölle erhoben und die Grenzen werden nicht geschlossen.

Der Handel mit Gütern und Dienstleistungen ist eine elementare Grundlage unseres gesamten volkswirtschaftlichen Systems. Aus deutscher Sicht betrachtet: 8% des deutschen Exports gehen nach Großbritannien; das Vereinigte Königreich repräsentiert damit nach Frankreich Deutschlands zweitgrößtes Exportland; umgekehrt ist Deutschland für Großbritannien Exportland Nr. 1.

Vor diesem Hintergrund und der allgemeinen Unsicherheit sollte es im Interesse ALLER sein, einen kühlen Kopf zu bewahren und konstruktiv und gemeinsam an der Sache zu arbeiten. Die aktuelle Unsicherheit wird wahrscheinlich zu reduzierten Investitionsausgaben führen und Konsumausgaben können ebenfalls negativ beeinflusst werden. Letztendlich jedoch wird der Handel (nicht nur mit Aktien, sondern auch mit Waren und Gütern) weitergehen und Tarife und Abkommen werden neu formuliert werden müssen.

Die aktuelle unerwartete Entwicklung macht sich heute auch an den Aktienmärkten sehr negativ bemerkbar, zumal die meisten Marktteilnehmer in der letzten Woche NICHT von einem Brexit ausgegangen waren.

Allerdings heißt es auch hier kühlen Kopf zu bewahren. Wir werden keinerlei Panikverkäufe in unseren Kundenportfolios veranlassen, sondern umsichtig und in Ruhe die Lage und die möglichen Konsequenzen genau analysieren und dann entscheiden, ob bzw. was wir anpassen müssen; genau so, wie wir das während der Finanzkrise in 2008/9 oder der Eurokrise 2011 erfolgreich gemacht haben.

Der Kern unserer Anlagephilosophie ist und bleibt eine wertorientierte Titelselektion. Die Grundlage unseres Strebens besteht in der Identifizierung unterbewerteter Unternehmen auf Basis fundamentaler Kennzahlen. Kurzfristiges Timing von Marktbewegungen und makroökonomische Überlegungen haben bei uns keinen Einfluss auf die Entscheidungsprozesse der Aktienselektion.

Kursausschläge an den Aktienmärkten bieten, ceteris paribus, Kauf- bzw. Verkaufsmöglichkeiten. Wir sind grundsätzlich, wie viele wertorientierte Investoren, konträre Anleger und konzentrieren uns auf die mittel- bis langfristigen Renditepotentiale der Unternehmen und somit der Aktien. Unternehmen werden sich den möglichen neuen Rahmenbedingungen stellen und entsprechend anpassen. Relative und absolute Bewertungen werden sich verändern und diese gilt es vor dem Hintergrund stark veränderter Preise in der nächsten Zeit zu analysieren.

Vor diesem Hintergrund möchten wir Frank Lingohr zitieren (aus einer Email, die wir Ende 2008 während der Finanzkrise geschrieben haben):

„Auch wenn die derzeitige Marktphase das Nervenkostüm von Kunden und Portfoliomanagern sehr belastet, bleiben wir bei unserer Überzeugung, dass trotz der Verwerfungen und der völlig veränderten Situation an den weltweiten Kapitalmärkten, die fundamentalen Grundsätze des Investierens nicht außer Kraft gesetzt sind. “ Für uns gilt bei der langfristig orientierten wertorientierten Kapitalanlage nach wie vor der Satz „Würden wir das gesamte Unternehmen zu diesem Preis kaufen“ („Would you buy the whole company at this price?“).