„Ich bin stolz, ein Erdenbürger zu sein…“

Künzelsau hat einen neuen Ehrenbürger, der sich von seinen 13 Vorgängern in einem Punkt deutlich unterscheidet: Er war sechs Monate lang im All. Alexander Gerst (39) ist seit Samstagnachmittag neuer Ehrenbürger – der 14. und jüngste seiner Heimatstadt.

Die Hohenloher Kreisstadt hat den 39 Jahre alten Astronauten im Rahmen einer feierlichen Gemeinderatssitzung am Samstagnachmittag mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet. Der am 3. Mai 1976 in Künzelsau geborene Gerst ist damit der 14. Ehrenbürger der Stadt. Der Geophysiker war von Mai bis November 2014 165 Tage lang an Bord der Internationalen Raumstation ISS im Weltall und hart dort zahlreiche wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Die Würdigung fand im mit rund 200 Besuchern voll besetzten Sitzungssaal des Künzelsauer Rathauses statt. Mit den Unternehmerehepaaren Carmen und Reinhold Würth sowie Ursula und Albert Berner verfolgten vier weitere Ehrenbürger, geladene Gäste eine eigens angereiste Delegation aus der ungarischen Partnerstadt Marcali sowie zahlreiche Journalisten und Kamerateams das Geschehen.

Die knapp 200 Gäste applaudierten stehend, als Alexander Gerst um 14.03 Uhr den Sitzungssaal betrat. Das Orchester der Jugendmusikschule spielte die Star-Wars-Hymne, und Bürgermeister Stefan eröffnete die feierliche Gemeinderatssitzung. “Sie haben es geschafft, Raumfahrt zu leben und andere dafür zu begeistern”, sagte Bürgermeister Stefan Neumann in seiner Laudatio. Gerst habe mit seiner Mission gezeigt, “wie schön und zerbrechlich unsere Erde ist”. Dem gebürtigen Künzelsauer Gerst sei es wichtig, einen Beitrag dafür zu leisten, “dass die Welt ein Stück besser wird”, so Neumann. “Für mich sind sie ein Vorbild”, bekannte der Bürgermeister und ernannte den Astronauten unter dem Beifall der Gäste zum Ehrenbürger.

Alexander Gerst nahm die höchste Anerkennung, die seine Heimatstadt zu vergeben hat mit Freude entgegen und erklärte: “Ich bin stolz, ein Erdenbürger zu sein, ein Europäer, der aus Künzelsau kommt.” Dass die Begeisterung für die Raumfahrt in seiner Heimatstadt groß sei, habe er gewusst, erklärte Alexander Gerst, “aber dass sie so groß ist, überrasche ihn doch: “Ich bin baff.” Dutzende Kameras klickten, mehrere Filmkameras liefen, als sich Gerst ins Goldene Buch der Stadt eintrug.

Dr. Matthias Neth, Landrat des Hohenlohekreises, gratulierte Gerst und betonte: “Alle Hohenloher sind stolz, eine so berühmte und sympathische Person in ihren Reihen zu haben.” Zudem habe der Hohenloher Gerst mit seiner Mission „kräftig Werbung für die Region gemacht”, sagte Neth: “Besser geht es nicht.

Anschließend übergab der Astronaut sogenannte Items, Gegenstände, die ihn im All begleitet haben, an den Bürgermeister, den Landrat und an den Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten: Wimpel und Abzeichen, die laut Gerst an Bord der ISS 110 Millionen Kilometer zurückgelegt haben.

Die Live-Schaltung, mit der Gerst am 4. September 2014 rund 5000 Zuschauer auf der Hauptstraße seiner Heimatstadt direkt aus dem All gegrüßt hatte, bezeichnete der Raumfahrer als einen “der bewegendsten Momente” seiner Mission: “Wenn da Schwerkraft gewesen wäre, hätte es mich umgehauen.

Der Aufenthalt im Weltall und der Blick auf die Erde habe seine Sichtweise grundsätzlich verändert, erklärte Gerst anschließend den zahlreichen Journalisten: “Man sieht sich plötzlich als Erdenbürger.” Vor allem der Raubbau an der Natur erscheine ihm seither grotesk: “Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen.” Sein Traum sei deshalb, “dass jeder Mensch das mal sehen kann” .

Alexander Gerst wurde am 3. Mai 1976 in Künzelsau geboren. Er ist in Künzelsau aufgewachsen und besuchte bis zur Mittelstufe hier die Schule. Sein Abitur 1995 machte er am Technischen Gymnasium in Öhringen. Nach dem Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz reiste er ein Jahr lang als Rucksacktourist durch die Welt. Fasziniert von den Vulkanen in Neuseeland begann er danach Geophysik zu studieren. An der Universität Karlsruhe erlangte er das Diplom. Darüber hinaus studierte er Geowissenschaften in Neuseeland und erhielt 2005 den Master of Science. Im darauf folgenden Jahr war er Sommerstipendiat des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Beim Auswahlverfahren der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) setzte sich Gerst gegen 8.407 andere Bewerber durch und wurde als einziger Deutscher unter sechs neuen Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt.

Am 29. Mai 2014 um 1.57 Uhr Ortszeit erfolgte der Nachtstart von Sojus TMA-13M in Baikonur, Kasachstan mit Alexander Gerst, Maxim Surajew (Russland) und Reid Wisemann (USA) in der Raumkapsel. Gerst war als Bordingenieur bis zum 10. November 2014 im All. Er ist nach Thomas Reiter und Hans Schlegel der dritte deutsche Astronaut auf der ISS. Ein Höhepunkt von Gersts Mission war der Außenbordeinsatz zusammen mit Reid Wiseman am 7. Oktober 2014. Sechs Stunden und 13 Minuten schwebte Gerst im All und erledigte Wartungsarbeiten an der Raumstation. Nach 165 Tagen, acht Stunden und einer Minute endete Gersts Weltallmission mit der Landung am 10. November 2014 in der kasachischen Steppe.