40 Tonnen Lkw gegen 70 Kilo Mensch

Quelle: obs/ACV Automobil-Club Verkehr/Shutterstock Connel

Ein Auszug aus der Kölner Unfallbilanz der letzten Woche: Drei Abbiegeunfälle mit Lkws in drei Tagen. Ein bekanntes Unfallszenario: Beim Rechtsabbiegen sieht der Lkw- oder Busfahrer häufig nicht, wer sich rechts von ihm befindet – für Radfahrer und Fußgänger kann das tödlich enden.

Der Bereich des toten Winkels ist aus der Fahrerkabine weder im Seitenspiegel noch durch das Fenster einzusehen. Sechs vorgeschriebene Außenspiegel unterstützen die Fahrer zwar und erweitern das individuelle Sichtfeld, doch ein Restrisiko bleibt, denn der tote Winkel kann auch durch zusätzliche Spiegel nicht vollständig vermieden werden. Große Gefahr geht vor allem von den Hinterrädern der Fahrzeuge aus, die beim Abbiegevorgang einen wesentlich kleineren Radius fahren als die Vorderräder und so Fußgänger und Radfahrer schnell erfassen können.

Wie kann das Unfallrisiko verringert werden?

Der ACV Automobil-Club Verkehr kritisiert, dass sich fahrzeugtechnische Lösungen oder Infrastrukturverbesserungen bislang nur bedingt durchgesetzt haben, obwohl die Tote-Winkel-Problematik nicht neu ist. Die flächendeckende Einführung von gläsernen Beifahrertüren wurde von Lkw-Fahrern abgelehnt. Die konsequente Verwendung von Fresnel-Linsen, die auf das Prinzip Einsicht in den toten Winkel durch Lichtbrechung setzen, hat sich nicht flächendeckend durchgesetzt.

ACV fordert verpflichtende Einführung von Abbiege-Assistenten

Technische Lösungen gibt es, sie sind aber noch nicht serienreif. Künftig sollten Abbiege-Assistenzsysteme Fußgänger und Fahrradfahrer durch Radarsensorik erkennen. Der ACV fordert die verpflichtende Einführung von Abbiege-Assistenten, sobald Hersteller zuverlässige Systeme auf den Markt bringen. Zudem müsse die Nachrüstung von Lkws und Bussen, die bereits heute auf den Straßen unterwegs sind, diskutiert werden. „Bis die Technik so weit ist, und vor dem Hintergrund von Vision Zero appelliert der ACV an eine schnelle Umsetzung eines sicheren Abbiegesystems für Busse und Lkws“, sagt Lars Wagener vom ACV.

Infrastrukturanpassungen retten Leben

Viele Städte verringern derzeit durch Verbesserungen bei bestehender Infrastruktur das Unfallrisiko. Eine sichere Verkehrsführung ermöglichen getrennte Grünphasen an Ampeln, sodass der restliche Verkehr zeitverzögert nach den Fahrradfahrern losfährt. Durch vorgezogene Aufstellflächen können sich Radfahrer deutlich im Sichtfeld der Fahrer positionieren.

Einige Städte wie Freiburg und Münster setzen auf den Trixi-Spiegel, der von dem Vater eines 1994 an einer Kreuzung schwer verunglückten Kindes entwickelt wurde. Er wird direkt unter dem Grünsignal der Ampel oder an Kreuzungen angebracht und erweitert den Blickwinkel des Lkw-Fahrers.

Restrisiko bleibt: Sehen und gesehen werden

Trotz allem bleibt für Fahrradfahrer und Fußgänger immer ein lebensgefährliches Restrisiko. Grundsätzlich gilt für alle Verkehrsteilnehmer: vorausschauend fahren und mit Fehlern anderer rechnen. Fahrradfahrer sollten jederzeit genügend Sicherheitsabstand einhalten.

„Bei einer unklaren Verkehrslage verzichten Sie lieber auf Ihre Vorfahrt,“ rät Lars Wagener vom ACV. „Stellen Sie sich an Ampeln vor den Lkw, so dass der Fahrer Sie sieht, oder warten Sie dahinter, bis er abgebogen ist.“ Verständigen Sie sich mit dem Fahrer über Blickkontakt und vergewissern Sie sich vor dem Überqueren der Straße erneut, ob der Fahrer Sie wahrgenommen hat. „Nur wenn Sie den Fahrer sehen, kann auch er Sie sehen“, verdeutlicht Wagener.

Der Bereich des toten Winkels bei Pkws ist zwar kleiner als bei großen Fahrzeugen, deshalb aber nicht weniger gefährlich. Auch hier gilt, nicht neben das Auto in den Bereich fahren, der von dem Fahrer schlecht eingesehen werden kann. Kraftfahrern dagegen rät der ACV vor dem Abbiegen und dem Türeöffnen zu einem zweiten oder dritten Schulterblick, um auszuschließen, dass sich unbemerkt ein Verkehrsteilnehmer genähert hat.

Der ACV unterstützt die Verkehrssicherheitsaktion „Toter Winkel“ in Köln, bei der auffallende Aufkleber auf Bussen und Straßenbahnen der KVB Fahrradfahrer und Fußgänger warnen, und leistet konsequent Aufklärungsarbeit über das Unfallrisiko, das vom toten Winkel ausgeht.